Frei#  Die Strategie, Patienten mit akuten Atemweginfekten nicht sofort ein Antibiotikarezept zu verschreiben, sondern erst später (verzögerte Antibiotika-Verschreibung) war in einer aktuellen BMJ-Studie wirksam: Mehr als die Hälfte der Patienten nahmen kein Antibiotikum ein, ohne dass der Krankheitsverlauf sich verschlechterte.

Eine randomisierte Studie verglich die Wirksamkeit unterschiedlicher Strategien einer verzögerten Antibiotikaverschreibung in Großbritannien. Im Zeitraum zwischen 2010 und 2012 wurden 889 Patienten von 53 Ärzten in 25 Praxen rekrutiert. Die Patienten waren drei Jahre und älter und hatten eine akute Atemwegsinfektion. 333 (37%), bei denen die Ärzte eine Antibiotikatherapie als dringend ansahen, erhielten sofort ein Antibiotikumrezept, die anderen 556 (63%) wurden auf eine der folgenden Antibiotika-Verordnungs-Strategien randomisiert: eine erneute Kontaktaufnahme (auch telefonisch) war für die Verschreibung nötig, Aushändigung eines vordatierten Rezeptes, spätere Abholung des Rezepts oder sofortige Rezeptabgabe. Während der Studie wurde zudem die Strategie, kein Antibiotikum zu geben, als weiterer randomisierter Vergleich dazu genommen.

Als primärer Endpunkt wurde die mittlere Symptomenschwere auf einer Skala von 0-6 nach 2-4 Tagen festgelegt. Die Einnahme von Antibiotika in den zwei Wochen nach Einschluss in die Studie und der Glaube der Patienten an die Wirksamkeit der antibiotischen Behandlung gehörten zu den sekundären Outcome-Parametern. Weiter wurden die Strategien „sofortige vs. verzögerte Antibiotikaverschreibung" verglichen.

Die Symptome unterschieden sich nur minimal über alle Antibiotika-Verordnungs-Strategien hinweg. Auch die Dauer der Symptome, die als mäßig oder schlecht bewertet wurden, war in den Gruppen „kein Antibiotikum" bzw. „verzögerte Verschreibung" vergleichbar lang (median 3 Tage vs. 4 Tage).

Die Patienten waren durchweg mit der ärztlichen Beratung in ihrer jeweiligen Gruppe zufrieden, ohne nennenswerte Unterschiede zwischen den Gruppen. Zwischen 26 und 39% der Patienten nahm ein Antibiotikum ein, dieser Unterschied war nicht statistisch signifikant. Insgesamt war der Glaube der Patienten an die Wirksamkeit der Antibiotika stark (von 66 bis 74%), ebenfalls ohne statistisch signifikanten Unterschied. Im Gegensatz dazu nahmen die meisten Patienten, die nicht randomisiert worden waren und sofort ein Antibiotikumrezept erhalten hatten das Antibiotikum ein (97%) und hatten einen starken Glauben in die Antibiotika (93%). Das Antibiotikum zeigte aber keinen Nutzen bezogen auf die Symptomenschwere (Score 1,76) oder auf die Dauer der Erkrankung (Median 4 Tage).

FAZIT: Die verzögerte Verschreibung von Antibiotika oder der Verzicht auf ein Antibiotikum resultierte darin, dass weniger als 40% der Patienten Antibiotika einnahmen. Parallel glaubten weniger Patienten an die Wirksamkeit eine Antibiotikatherapie. Vergleicht man die verzögerte Verschreibung mit der sofortigen sind sowohl die Symptome vergleichbar stark als auch die Erkrankungsdauer etwa gleich lang. Wird der Patient gut aufgeklärt und erhält genaue Anweisungen, sind alle Strategien der verzögerten Antibiotika-Verschreibung etwa als gleich gut zu werten. 

Anmerkung: Anders gesagt hatten die Verzögerte-Antibiotika-Strategien dazu geführt, dass 60% der Patienten keine Antibiotika einnahmen. Anwendung dieser Strategien könnte den unnötigen Antibiotika-Verbrauch bei Atemwegsinfektionen, welcher weiterhin auch in Deutschland ein wichtiges Thema ist, reduzieren. Diese Verzögerungs-Strategien sind jedoch für den Praxisarzt zeitintensiver, aber durchaus lohnenswert.

1-Little P et al. Delayed antibiotic prescribing strategies for respiratory tract infections in primary care: Pragmatic, factorial, randomised controlled trial. BMJ 2014 Mar 5; 348:g1606.

2-Akute Pharyngitis (Rachenentzündung) : Algorithmus zur Antibiotika-Therapie, 2006

3-Streptokokken-Pharyngitis: NEJM-Algorithmus zur Diagnose und Therapie - US-Leitlinien, 2011

4-Akute Bronchitis: grundsätzlich keine Antibiotika bei unteren Atemwegsinfektionen, nur bei Verdacht auf Pneumonie, 22.12.2012

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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