Hintergrund: Psychiatrische Erkrankungen gehören laut WHO zu den häufigsten medizinischen Komplikationen. Studien schätzen, dass fast jeder 2. in den USA (1) und jeder 4. Mensch in Europa (2) durchläuft mindestens einmal im Laufe eines Lebens eine Phase, in der eine psychiatrische Behandlung indiziert wäre Dennoch sind psychiatrische Erkrankungen immer noch mit negativen Vorurteilen behaftet und Patienten von gesellschaftlichem Druck und Ausgrenzung betroffen. Daher kommt es häufig vor, dass Menschen mit psychiatrischen Symptomen das Aufsuchen professioneller Hilfe vermeiden oder aufschieben und daher eine unnötig lange Zeit von intensive Leidensdruck erleben.

In einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit (3) wurden daher publizierte qualitativ und quantitativ durchgeführte Studien auf folgende Fragestellungen hin untersucht: Welchen Einfluss haben Stigmata auf den Entscheidungsprozess, professionelle Hilfe bei psychiatrischen und psychologischen Problemen aufzusuchen? Wie ist das Verhältnis von Stigma und Hilfesuche, und wie groß ist der einflussnehmende Effekt? Bis zu welchem Ausmaß stellt ein Stigma eine Barriere dar bei der Suche nach Hilfe? Welcher Prozess unterliegt dem wechselseitig einflussnehmenden Verhältnis von Stigma und Hilfesuche? Gibt es Subgruppen, welche besonders von einem negativen Einfluss von Stigma auf die Hilfesuche betroffen sind?

Es wurden Studien aus den gängigen elektronischen Datenbanken (Medline, Embase, etc.) aus den Jahren 1980-2011 akquiriert und in Form einer Meta-Übersichtsarbeit quantitativ und qualitativ ausgewertet. Insgesamt wurden 144 Studien ausgewertet, die ein patientenkollektiv von über 90.000 Patienten umfassten.

Das mediane Zusammenhangsmaß für Stigma und Hilfesuche betrug d= -0,27, wobei vor Allem Stigmata gegenüber der Behandlung sowie internalisierte Stigmata bezüglich des Krankheitsbild sich besonders negative auf eine Hilfesuchbereitschaft auswirkten.

Von sämtlichen Faktoren, die in der Studie hinsichtlich ihrer hemmenden Wirkung auf eine aktive Hilfesuche untersucht worden sind, waren durch Stigmata erzeugte Barrieren der 4. Häufigste von Patienten angegebene Hinderungsgrund. In der Studie wurde zudem ein konzeptuelles Modell aus den Daten abgeleitet, welches die Einflussnehmenden Effekt von Stigmata auf das Hilfesuchverhalten in einen Kontext setzte und somit eine Detailanalyse ermöglichte. Es zeigte sich, dass vor Allem marginalisierte Bevölkerungsgruppen wie ethnische Minderheiten und junge Menschen durch Stigmata davon abgehalten wurden, professionelle Hilfe zu suchen. Auch Männer, Angehörige des Militärs, und Menschen die selbst in Gesundheits- und Pflegeberufen arbeiteten, waren besonders dazu geneigt, aufgrund von wahrgenommenen und befürchteten Stigmata keine professionelle Hilfe aufzusuchen.

Fazit: Eine aktuelle umfangreiche Übersichtsarbeit fand heraus, dass Stigmata einen statisch signifikanten geringen bis mittelgroßen negativen Einfluss auf die Bereitschaft von psychiatrischen Patienten haben, professionelle Hilfe zu suchen bzw. in Anspruch nehmen zu wollen. Studienergebnisse wie diese können dazu beitragen, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um Stigmata gezielt zu adressieren und ihren negativen Einfluss auf das Hilfesuchverhalten zu mindern.

1-Lifetime Prevalence and Age-of-Onset Distributions of DSM-IV Disorders in the National Comorbidity Survey Replication

2-Prevalence of mental disorders in Europe: results from the European Study of the Epidemiology of Mental Disorders (ESEMeD) Project

3-Clement S et al: What is the impact of mental health-related stigma on help-seeking? A systematic review of quantitative and qualitative studies.Psychol Med. 2014 Feb 26:1-17

 

 

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