Aktuelle Studie (1): Zusammenhang zwischen Stammzelltransplantation und neurologisches Defizit bei Multiple-Sklerose-Patienten.

Hintergrundinformationen: Die multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung des Nervensystems mit autoimmun vermittelter Genese. Vor allem das zentrale gebildete Myelin wird durch Antikörper zerstört, wodurch sich multifokal Demyelinisierungen bilden. Der Auslöser der Autoimmunreaktion kann häufig nicht gefunden werden. In Deutschland tritt sie mit einer Inzidenz von 4 - 6 / 100 000 Einwohner und einer Prävalenz von 30 - 100 / 100 000 Einwohnern auf. Im Median tritt sie um das 28. Lebensjahr klinisch in Erscheinung. Charakteristisch sind ein schubartiges Auftreten mit u. a. Augensymptomen (Visusverlust, Doppelbilder), Sensibilitätsverlust (Lhermitte-Zeichen), Motorikstörungen (Spastische Parese, Pyramidenbahnzeichen, ausgefallener Bauchhautreflex) und autonome Störungen (Blasenstörung).

Im Krankheitsverlauf stellen sich bei der Mehrheit zunehmend beeinträchtigende Symptome ein. Aufgrund dessen werden 1/3 arbeitsunfähig und 1/3 zudem pflegebedürftig. Bisher gibt es keine Therapie für Patienten mit einer rezidivierend-remittierenden multiplen Sklerose, welche die neurologische Behinderung umkehrt.

Eine aktuelle Studie in JAMA untersuchte die Assoziation zwischen einer nicht-myeloablativen Stammzelltransplantation und neurologischen Beeinträchtigung und anderen klinischen Ausgängen bei Patienten mit multipler Sklerose zu bestimmen.

Die Follow-up-Studie bestand aus Fallserien von Patienten mit einer rezidivierend-remittierenden MS (n=123) oder sekundär-progressiven MS (n= 28). Die Probanden wurden an einem einzigen amerikanischen Institution zwischen 2003 und 2014 behandelt und für fünf Jahre beobachtet. (Das Durchschnittsalter war 36 Jahre; die Altersgrenze lag zwischen 18 und 60 Jahre; es gab 85 Frauen.) Der letzte Follow-up wurde im Juni 2014 durchgeführt.

Die Patienten wurde mit Cyclophosphamid und Alemtuzumab (n=22) oder Cyclophosphamid und Thymoglobulin (n=129) behandelt. Nach der Medikamentengabe erfolgte eine Infusion von nicht-manipulierten, peripheren Blutstammzellen.

Der primäre Endpunkt war ein Rückgang oder Fortschreiten der Behinderung um einen Punkt in der EDSS-Skala (Punktgrenze zwischen 0 und 10, siehe Quellen). Der sekundäre Endpunkt beinhaltete Veränderungen in der NRS-Skala (Neurologic Rating Scale, neurologische Beurteilungsskala) bei einem Punktwert über 10 (Punktgrenze zwischen 0 und 100), MSFC-Score (Multiple Sclerosis Functional Composite, Funktionen bei MS im Verbund), Fragebogen zur Lebensqualität (quality-of-life Short Form 36 questionnaire scores) und Läsionsvolumen im T2-gewichteten Hirn-MRT.

Zum Ausgang lagen Daten von 145 Patienten vor. Die mediane Follow-up-Zeit war 2 Jahre bei einem Durchschnitt von 2,5 Jahren.

Die Punktwerte im EDSS verbesserten sich signifikant von einem Median vor der Transplantation bei 4,0 zu 3,0 (Interquartilenbereich [IQR] 1,5 bis 4,0; n=82) nach zwei Jahren und zu 2,5 (IQR 1,9 bis 4,5; n=36) nach 4 Jahren. (Der Wert für P war bei jeder Messung < 0,001.) Es gab eine signifikante Verbesserung der Behinderung (Rückgang des EDSS-Scores ? 1,0) für 41 Patienten (50 % Rückgang) nach 2 Jahren und für 23 Patienten (64 % Rückgang) nach 4 Jahren.

Die Wahrscheinlichkeit für ein rückfallloses Überleben betrug 80 % und für ein Progressions-freies Überleben 87 %. Die NRS-Scores verbesserten sich signifikant bei einem Median vor der Transplantation von 74 zu 88,9. (IQE 77,3 bis 93,0; n=78) nach 2 Jahren und zu 87,5 (IQR 75,0 bis 93,8; n=34) nach 4 Jahren. (Der Wert für P war bei jeder Messung <0,001.) Die medianen MSFC-Scores waren 0,38 (IQR -0,01 bis 0,64) nach 2 Jahren (P<0,001) und 0,45 (IQR 0,04 bis 0,60) nach 4 Jahren (P=0,02). Die totale Lebensqualität verbesserte sich laut Fragebogen von einem Durchschnittswert bei 46 vor der Transplantation zu 64 bei einem medianen 2-Jahres-Follow-up nach der Transplantation (n=132) (P<0,001).

Im T2-gewichteten MRT zeigte sich im Median vor der Transplantation eine Verminderung im Läsionsvolumen von 8,57cm³ (IQR 2,78 bis 22,08 cm³) zu 5,74 cm³ (IQR 1,88 bis 14,45 cm³) (P<0,001) bei der letzten Messung nach der Transplantation. (Die durchschnittliche Follow-up-Zeit betrug hierbei 27 Monate, n=128.)

Fazit: Unter Patienten mit einer rezidivierenden-remittierenden multiplen Sklerose zeigte eine nicht-myeloablative Stammzelltransplantation Verbesserungen in der neurologischen Beeinträchtigung und anderen klinischen Ausgangsfaktoren.

Anmerkung: Für MS-Patienten ist die nicht-myeloablative Stammzelltransplantation zum jetzigen Zeitpunkt eher experimenteller Natur. Diese vorläufigen Forschungsergebnisse dieser unkontrollierten Studie müssen noch durch randomisierte Fallstudien bestätigt werden.

1-Burt et al. Association of nonmyeloablative hematopoietic stem cell transplantation with neurological disability in patients with relapsing-remitting multiple sclerosis. JAMA. 2015 Jan 20;313(3):275-84.

2-EDSS-Skala

 

 

 

 

 

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