Vom 15. Bis 16.März fand in Berlin das nationale DRG-Forum statt. Mit knapp 1.500 Teilnehmern und 147 Referenten ist das DRG-Forum die größte Diskussionsplattform, um die Weiter-Entwicklung der DRGs in Deutschland, welches von dem von dem Bibliomed-Verlag und der B. Braun-Stiftung organisiert wird.

Ein wesentliches Merkmal des DRG-Forums waren die 23 Workshops zu spezifischen DRG-Themen, mit Beiträgen ausgewiesener Experten.

Erfreulicherweise waren die Reden der Funktionsträger aus den Fachverbänden auf den ersten Vormittag komprimiert, so dass für die Workshops mehr Zeit zur Verfügung stand. Im folgenden möchte ich einige Punkte aus einzelnen Referaten und Workshops ansprechen, die ich aus dem Forum-Besuch persönlich mitgenommen habe.

Jens Spahn, Gesundheitsminister: Herr Spahn wurde erst am 14.03.2018 als Gesundheitsminister vereidigt. An seinem ersten Arbeitstag als Minister fand er Zeit, um das DRG-Forum zu besuchen und eine Rede zu halten. Insgesamt wirkte er in seinem Beitrag sehr dynamisch, und hat Erwartungen geweckt, als langjähriger Kenner der Gesundheitsbranche, brachliegende Probleme zeitnah anzupacken. Früher habe er gesagt, es gebe zu viele Krankenhäuser in Deutschland, wofür er viel kritisiert wurde. Inzwischen sehe er es anders, es komme nicht auf die Anzahl der Krankenhäuser, sondern auf deren Spezialisierung an. Vor allem auf dem Lande existieren die Nachbar-Krankenhäuser mit fast ähnlichem Therapie-Profil nebeneinander, das müsse geändert werden.

Dr. Wulf-Dietrich Leber, GKV-Spitzenverband: Herr Leber konzentrierte sich auf das derzeit intensiv diskutierte Thema „Spaltung der Pflegekosten von der DRG“, und verdeutlichte, welche Folgen so eine Trennung haben würde.
-20% von DRG-Budget würden wegfallen.
-Auch weitere Berufsgruppen wie die Ärzte könnten ebenfalls die Trennung der Ärztekosten vom DRG-Budget fordern.
-Abrechnungen müssten zweimal gestellt werden. Somit würden alles auch, inklusive MDK-Überprüfungen doppelt stattfinden.
-Eine Trennung der Pflegekosten könnten besser auf der Grundlage der tagesbezogene Fallpauschale wie PEPP abgerechnet werden. Das wäre eine weitere Entfernung von der DRG.

Georg Baum, DKG: Herr Baum hat in seiner Rede neben seiner üblichen „Attacke“ auf die Kassen als DKG-Generalsekretär, auch aus meiner Sicht auf wichtige Probleme im derzeitigem System seinen Finger gelegt.
Die OPS für komplexe Therapien seien in ihrem Umfang massiv ausgeufert. Die Erfordernisse seien inzwischen sehr detailliert. Und die MDKs würden alles genau unter die Lupe nehmen. Und es ließe sich bei solchen „klein klein“-.Anforderungen immer etwas finden. Dann würde dann die gesamte komplexe Therapie wegen einer Kleinigkeit nicht anerkannt, obwohl in der Gesamtbetrachtung die Leistung erbracht wurde. Er wunderte sich zu Recht, warum diese OPS vom Jahr zu Jahr immer komplizierter werden, und forderte eine Entschlackung dieser.
Weiterhin machte Herr Baum auch darauf aufmerksam, dass die Pflegegrad-Vereinbarung mit den Kassen eine Mogelpackung sei. Dafür wurden vom DRG-Budget 200 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, welches jedoch wegen bei der Umsetzung gar nicht abgerufen werden kann. Dieses Geld würde bei Budget-Deckelung jetzt woanders fehlen. Die Kassen würden den Krankenhäusern die Pflegegrade der Patienten oft nicht mitteilen. Und falls kein Pflegegrad bekannt, könnten die Krankenhäuser diesen höchstens bis Pflegegrad-2 beantragen, selbst wenn die Patienten während des stationären Aufenthaltes sehr pflegeaufwendig sind. Das System ist jedoch erst ab Pflegegrad-3 erlöswirksam. Auch hier sei eine Änderung und Vereinfachung dringend notwendig.
Kassen würden betonen, dass sie einseitig die Kosten für die Aufwandpauschale 300 Euro tragen. Dabei würde oft vergessen, dass die Krankenhäuser das gesamte Fallrisiko tragen würden, wenn die Kosten der bereits behandelten Fälle von den Kassen möglicherweise nicht übernommen oder weniger bezahlt werden.
Herr Baum hat des Weiteren auf den Pflegenotstand aufmerksam gemacht, und betont, dass DKG für eine Splittung der Pflegekosten von der DRG wäre.

Dr. Frank Heimig, InEK: Wie ich auch letztes Jahr schrieb, bildete der Vortrag von Herrn Heimig normalerweise in den letzten Jahren einen der Höhepunkte des Forums, nicht jedoch letztes Jahr, auch nichts dieses Jahr. Herr Helmig vertiefte sich in seinem Beitrag zu sehr darauf, wie die Sachkalkulation einer möglichen Pflegekosten-Trennung von den DRG-Kosten ermittelt wird. Der Beitrag war für die meisten Teilnehmer zumindest in dieser Ausführlichkeit eher uninteressant und schwer verfolgbar. Seine joviale Art half aber wie beim letzten Jahr auch aber nicht viel, da über die geplante Weiter-Entwicklung der DRGs, ICDs und OPS wenig Konkretes berichtet wurde. Da die Verdienste von Herrn Heimig um die Entwicklung der DRGs in Deutschland allgemein anerkannt ist, drücken wir erneut ein Auge zu :-).

Workshop Redesign Your Abrechnungsprüfung - MDK

Die Krankenhäuser würden ca. 3% ihres Budgets nach MDK-Prüfungen verlieren. In 50% der vom MDK-geprüften Fällen komme es zu finanziellen Abkürzungen (etwa 800 Euro pro Fall). Ein MDK-Fall koste einem Krankenhaus etwa 6 Stunden Aufwand.

Dr. Henrik Pfahler, Inselhospital, Univ. Bern, Schweiz: Herr Pfahler hat einen viel beachteten Beitrag zum Thema „Wie lösen die Schweizer dieses Problem“ geleistet.
In der Schweiz hätten sie die Überprüfung der uvd/mvd einfach abgeschafft. Das habe den Arbeitsaufwand der MDK-Prüfungen erheblich gemindert.
Weiterhin würden in der Schweiz die MDKs –im Gegensatz zu Deutschland- den einzelnen Kassen unterstehen. Das habe zur Folge, dass die Kassen viel weniger MDK-Prüfungen in Auftrag geben würden, da sie die Kosten dafür selber tragen müssten.
Herr Pfahler hat des Weiteren von der Konsenskultur in der Schweiz zwischen Kassen und Krankenhäusern berichtet. Beide Seiten würden solange reden, bis sie sich einigen. Falls keine Einigung wären die Schiedsstellen die nächste Instanz, welche zwischen den beiden Parteien intensiv moderieren würden, bis eine Einigung doch erzielt wird. So gut wie kein Krankenhaus würde vors Sozialgericht ziehen. Das wäre zu umständlich, und zu teuer, und würde vor allem der Schweizer Konsens-Kultur widersprechen.

Bernd Beyerle, Techniker Krankenkasse: Herr Beyerle machte Vorschläge wie man den MDK-Aufwand für die Krankenhäuser und Kassen reduzieren könnte. MDKs sollten in einzelnen Krankenhäusern die Fälle Stichprobenartig jährlich überprüfen. Je nach Ergebnis sollte dann das Budget der betroffenen Krankenhäuser reduziert werden.

Dr. Nikolai von Schroeders, Deutsche Gesellschaft für Medizincontrolling: Herr von Schroeders betonte, dass manche Krankenhäuser ihre Abrechnungen systematisch zu hoch berechnen, und daraufsetzen würden, nicht „ertappt“ zu werden. Für diese Krankenhäuser gebe es bisher keine Sanktionen, und das Ganze würde zu Lasten aller anderen korrekt kodierenden Krankenhäuser gehen. Daher findet Herr v. S. den Vorschlag des MDK mit Stichprobenartigen Überprüfungen gar nicht abwegig.

Workshop Entlassmanagement im Fokus

Irmtraut Gürkan, Universitätsklinikum Heidelberg: Fr. Gürkan berichtete in ihrem Vortrag ausführlich darüber, wie sie an der Uniklinikum Heidelberg Entlassmanagement zusammen mit verschiedenen betroffenen Berufsgruppen (Ärzte, Pharmazeuten, Verwaltung, Controller, Pflege, Sozialarbeiter) mit Hilfe einer Software eingeführt hätten. Interessanterweise hätte die Einführung des Entlassmanagements im Nachhinein positiv auf die Arbeitsbelastung geführt: Weniger Fragen über Zustand, Therapie und Medikamentenplan seitens der Praxisärzte und Angehörigen. Und möglicherweise kam es sogar darunter zu einer Reduktion der Wiederaufnahme-Rate.

Ulrike Kramer, Deutsche Vereinigung für soziale Arbeit im Gesundheitswesen: Die Kassen würden gelegentlich für einzelne Patienten die Daten vom Entlassmanagement fordern. Dabei sei es bei sensiblen Daten empfehlenswert, von den Patienten ausdrücklich eine zweite Unterschrift (Patienten müssen sowieso ihr Einverständnis zum Entlassungsmanagement schriftlich geben) zu holen. Dieser Punkt mit der zusätzlichen Unterschrift wurde jedoch von einigen Workshop-Teilnehmern anders gesehen.
Fr. Kramer teilte weiterhin mit, dass es für Nicht-Durchführen von Entlassmanagement keine Sanktionen vorgesehen sind.

Anmerkung zum Entlassmanagement: Entlassmanagement per se ist an sich, wie auch Fr. Gürkan geschildert hat, sinnvoll. Jedoch geht dieser Lösungsansatz, die Entlassung der Patienten besser zu organisieren, an dem eigentlichen Problem, nämlich dem Versorgungsproblem vorbei.
Die Gesellschaft in Deutschland wird immer älter. Die Zahl der pflegebedürftigen, oder auch dementen älteren Menschen steigt rapide an. Viele Patienten, die in den Krankenhäusern behandelt werden, können oft nicht entlassen werden, da es offensichtlich ist, dass sie zu Hause nicht mehr versorgt werden können. Es kommt auch oft zu Aufnahmen, die teils durch die Versorgungsproblematik zu Hause verstärkt wird.
Die Krankenhäuser sehen sich – anstelle der Angehörigen – zunehmend mit dem Problem konfrontiert, wohin diese Patienten verlegt, bzw. wie sie weiter versorgt werden können, obwohl sie mit der eigentlichen medizinischen Therapie fertig sind. Und die Verlegungsmöglichkeiten mit Kurzzeit-Pflege, Reha usw. gestaltet sich oft sehr schwerig, da diesbezügliche Kapazitäten sehr begrenzt, und die formellen Anforderungen sehr hoch sind.
Anders gesagt, werden die oben geschilderten Versorgungsprobleme der älteren Patienten werden derzeit auf dem Rücken der Krankenhäuser und vor allem der Krankenhausärzte getragen. Daran wird das Entlassmanagement leider auch nichts ändern, solange das geschilderte Versorgungsproblem nicht in Fokus rückt.

Einzelne Themen-Blöcke

-Qualitäts-Prüfungen in den Krankenhäusern:
Mehrere Referenten berichteten, dass die Qualitätsanforderungen an die Krankenhäuser wie Mindestmengenbegrenzungen und Qualitätskontrollen demnächst strikter umgesetzt werden. Auch die Prüfungen für Dokumentation und Strukturmerkmale zur Erbringung bestimmter Komplexbehandlungen bei der Patientenversorgung sollen direkt im Krankenhaus vor Ort durchgeführt werden.
Es werden des Weiteren Qualitätsindikatoren zur Kontrolle der Qualität der Krankenhäuser entwickelt, die sowohl von dem gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), den Ländern, der IQWIG als auch von den Kassen überprüft werden können. Das alles soll den MDKs obliegen, zusätzlich zu Überprüfungen der DRG-Kodierung der Krankenhäuser.

Anmerkung: Was mich wundert, dass die Qualitäts-Prüfungen mit Hilfe von Qualitätsindikatoren massiv erweitert werden, und MDK damit zu einem riesigen Verwaltungsapparat aufgebaut werden soll. Die Begriffe „Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung im Gesundheitswesen“ hören sich sicherlich gut an. Kein Mensch fragt jedoch, ob die bisherigen Qualitäts-Prüfungen der Krankenhäuser mit den Q-Indikatoren –z.B. ambulant-erworbene Pneumonie oder Dekubitus und noch viel mehr-, die seit Jahren mit viel Aufwand seitens der Krankenhäuser durchgeführt und an das AQUA-Institut (Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH) zur Auswertung weitervermittelt werden, überhaupt die Patientenversorgung medizinisch verbessert haben. Mir sind solche Daten nicht bekannt, und ich zweifle, dass die genannten Maßnahmen medizinisch tatsächlich was gebracht haben, außer die wenige Zeit der Ärzte und das Krankenhaus-Personals für die Patientenversorgung weiter zu verkürzen.
Die Mindestmengenregelung für bestimmte Operationen/Eingriffe (Operation/Eingriff darf in einem Krankenhaus nur beim Erreichen bestimmter Eingriffzahlen/Jährlich durchgeführt werden) zur Besserung der Qualitätssicherung in bestimmten Krankenhäusern und damit verbundene Überprüfung der Strukturqualität sehe ich jedoch sehr berechtigt, und nehme daher diese Punkte aus meiner Kritik raus.

- MDK – Elektronische Patientenakte:

Wie beim letzten Jahr stellten einige Kliniken ihre Konzepte vor, bei denen wie durch Archivierung der gesamten Patientenakte und mittels der MDK-Manager-Software zur Steuerung der MDK-Anfragen die Kommunikation mit den MDKs vereinfacht und normiert werden kann. In Zukunft wird es vorstellbar, dem MDK einen E-Ordner mit der Patientenakte freizuschalten, sodass die gesamte Prüfung digitalisiert vorgenommen werden kann.

Organisation des DRG-Forums

Pluspunkte der Veranstaltung waren:
-Die zahlreichen Workshops mit hervorragenden Experten, suchen seinesgleichen in Deutschland.
-Zusammenkommen der Teilnehmer aus allen Bereichen: Ärzte, Medizincontroller, Krankenhaus-Verwaltungsdirektoren,
Krankenkassen-Vertreter, MDKs, INEK-Mitarbeiter, Pflege, Firmen-Vertreter.
So hatten alle die Möglichkeit sich in Workshops und Pausen kennenzulernen und auszutauschen, was sie auch intensiv getan haben.
- Hervorragende Organisation, perfekte technische Umsetzung. Teilnehmer wurden vom Organisationsteam von Bibilomed bei jeglichen Fragen sehr gut betreut.
-Vorhalle mit Ständen von Firmen, die ihre Produkte, von digitaler Archivierung bis Kodierungs-Software, vorstellten und die Teilnehmer berieten.

Anmerkung zur Organisation: Es waren wirklich sehr viele interessante Workshops. Man konnte jedoch aus zeitlichen Gründen maximal 4 Workshops in 2 Tagen besuchen, was ich auch brav getan habe, hätte jedoch sehr gerne weitere interessante Workshops besucht. Ein möglicher Weg in Zukunft könnte sein, die mit 2,5 Stunden relativ lang gehaltene Workshop-Zeiten und auch die langen Pausen etwas zu verkürzen, um zusätzlich Zeit dafür zu gewinnen, und somit einige Workshops nicht parallel, sondern hintereinander anzubieten. Ob das organisatorisch überhaupt möglich ist, sei jedoch dahingestellt.

Insgesamt eine sehr empfehlenswerte Veranstaltung, die sich 2019 wieder am 21. Und 22. März 2019 im Estrel Hotel in Berlin wiederholen wird.  Fevzi Koc

Nationales DRG-Forum

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